Die Produktion von Waffen und Munition geht nicht schnell genug, auf geopolitische Herausforderungen reagieren wir spät oder gar nicht, unsere Wirtschaft diversifizieren wir lieber morgen: Die Zeitenwende zieht sich. Kann es sein, dass das an den 1990er liegt? Ein Text über Pop und Politik.


Das Russland es so leicht mit uns hat, liegt auch an Käpt´n Mola. An Kulleraugen, bunten Videos und an Heike Makatsch. Beide tauchen 1993 auf, haben immer gute Laune und sind damals sicher die coolsten Deutschen überhaupt. Die Sowjetunion war ein paar Jahre zuvor kollabiert, Deutschland hatte sich wiedervereinigt, alles konnte mit einem Witz gelöst werden. Solange man gut reden konnte: Was sollte passieren? 

Die 1980er waren vorbei und mit ihnen auch die Blockkonfrontation. Die Frage war nicht mehr: Findet der Stellvertreterkrieg in Afrika oder Lateinamerika statt? Rambo war im Kloster, Rocky kämpfte nur noch mit sich selbst und Arnold Schwarzenegger hatte schon Ende der 1980ern  einen Cop aus Moskau gespielt. Die Frage war jetzt: Hörst du Blur oder Oasis? 

Rambo oder Schwarzenegger? Oasis!

Dreißig Jahre später, heute, ist diese Generation an der Macht. Meine. Diejenigen Deutschen, die in den 1990ern sozialisiert worden sind. Und wir tun uns wahnsinnig schwer damit, anzuerkennen, dass die Dinge sich verändert haben.

Die russische Vollinvasion der Ukraine läuft nun zwei Jahre, der Krieg zehn, der subtile russische Krieg gegen die ukrainische Kultur noch viel länger. In diesem Stadium ist es reines Wunschdenken zu glauben, dass Putin gekauft werden kann durch einen erpressten Waffenstillstand, der die Ukraine unter den Bus wirft. Moskau hetzt gegen die Balten und schwadroniert vom Krieg gegen den „kollektiven Westen“ und der neuen Weltordnung, die man aufbauen müsse. Wenn die Ukraine verliert und Putin sein Kriegsziel erreicht, ist alles, was bisher war, Kindergarten zu dem, was noch kommt. Stehen russische Truppen siegestrunken an der Ostgrenze der NATO, wird sich alles massiv verändern – ob uns das passt oder nicht. Und mit der Vorstellung sind wir überfordert. 

Neulich hat mir Spotify gezeigt, was ich 2023 gehört habe: Depeche Mode, Green Day, Bruce Springsteen. Auf den Plätzen folgen Pearl Jam und Guns´n´Roses.

Ich hasse mich dafür, aber ich muss zugeben: Musik für alte Leute. Und ich bin ja nicht der Einzige. Wenn ich auf Konzerte dieser Bands gehe, was ich ab und an tue, dann stehe ich da unter Leuten, die alle in den 1990ern sozialisiert sind. Manchmal allerdings gehe ich auch zu anderen Konzerten, Musik, die meine Tochter hört, weil man offen sein muss für Neues. Und da bin ich fast immer der einzige Alte. 

Unsere Sozialisation ist eine nie endende Loveparade.

Aber wenn meine Generation es nicht mal schafft, sich auf neue Musik einzulassen, wie sollen wir es dann schaffen geostrategische Konzepte zu entwickeln. Unsere Sozialisation ist eine nie endende Loveparade. Ein ukrainischer Sieg liegt in deutschem Interesse, aber natürlich kann es keine spezifischen deutschen Interessen geben, wenn die ganze Welt immer nur Liebe und Ausgleich anstrebt. Und jetzt sind wir überrascht, weil: So ist das ja gar nicht.

Natürlich wird unser Verteidigungshaushalt steigen müssen, wenn Russland gewinnt. Natürlich liegt ein freier Welthandel in unserem Interesse. Natürlich sieht sich China an, wie die westlichen Alliierten auf die Herausforderung durch Russland reagieren und natürlich wird das deren Position zu Taiwan beeinflussen. Dazu Iran und Nordkorea, diverse Terrororganisationen: Die antiwestliche Welt organsiert sich. Und natürlich wird das unsere nationale Sicherheitslage sehr verändern. 

Und ich unterhalte mich mit Leuten in meinem Alter, aus Politik und Wirtschaft, die nichts lieber möchten, als dass es wieder „normal“ wird. Dass sind Menschen, die mir erzählen, dass Putin die NATO nicht angreifen wird. Deren Argument: Was soll das bringen? 

Nun… was hat er denn davon, die Ukraine anzugreifen? Russland verliert katastrophal viele Soldaten, die Ökonomie ist dem Militär untergeordnet, ein großer Teil der Staatsfinanzen fließt ins Militär, das Land ist intellektuell ruiniert und begnadigt Massenmörder, was alles dazu führen wird, die Gesellschaft zu zerstören: Objektiv ist dieser Krieg schlecht für Russland. Gekämpft wird er dennoch. Wie kann man nicht sehen, dass der Kreml eine missionarische Politik verfolgt, die über die Ukraine hinausgeht? Man muss ja nur zuhören. Was wir jetzt tun, und vor allem: Was wir jetzt nicht tun, entscheidet darüber, auf welche Party wir in Zukunft gehen.

Wird die Party gut oder eher nicht? Anstrengend wird es in jedem Fall.

Kurt Cobain ist tot. Putin lebt.

Klar, kann ich mir alte Ausschnitte von VIVA ansehen und mich darüber freuen, dass mein Lieblingsclub „Hardrock“ unter einer Autobahnbrücke lag und immer am Donnerstag Nirvana, Therapy? und Bad Religion durchgeprügelt wurde. Das war eine gute Zeit und das ist in Gedanken alles schön gemütlich. Fünfzehn Minuten lang. Und dann wird es deprimierend. Die Wahrheit ist: VIVA gibt es nicht mehr, das „Hardrock“ ist schon lange abgerissen und Kurt Cobain noch viel länger tot. Wir sind nicht mehr  in den 90ern. Es ist nicht mehr gemütlich. Besser, wenn wir das endlich anerkennen. 

Aber in meiner Generation war Freiheit und Wohlstand immer selbstverständlich - zumindest in einer westdeutschen Perspektive, für Ostdeutschland und deren massive Umwälzungen gilt das natürlich nicht. Militärisch haben wir uns gesamtdeutsch hinter den USA versteckt. Eingebunden in deren Wirtschaftssystem, abhängig von zwei Diktaturen: Billige Energie aus Russland, großer Markt in China. 

Während die 90er im Osten alles veränderten, Stabilität nicht mehr garantiert war und so vielleicht erklärbar ist, warum viele Menschen Veränderungen heute ablehnen, waren wir im Westen stabile Verhältnisse gewohnt. Als Kind dachte ich, Bundeskanzler Kohl ist ein Wort: Bundeskanzlerkohl. Ich ging davon aus, dass der Mann einfach so heißt. Politik war egal, langweilig, weil ja sowieso nichts passierte. Politik war etwas, dass die machen, mit denen man nichts zu tun haben wollte. Leute, die Politik machten, spielten niemals in Bands und hatten keine Freundinnen. 

Gefühl? Woodstock 69. Realität? Woodstock 99.

Heute gibt es ein einziges Unternehmen auf der Welt, dass in einer einzigen Produktionsanlage die komplexesten Prozessoren herstellt, ohne die einfach gar nichts mehr geht. Ohne TSMC, die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company, können wir den Laden zusperren. 

Nur: Was folgt daraus? Ich kenne Leute, die sich stundenlang überlegen, welchen Song sie im Auto hören, wenn sie zur Arbeit fahren, denn das ist ja ein Statement. Ich kenne aber niemanden, der sich Gedanken darüber macht, ob es schlauer ist, China bei Mikrochips zu sanktionieren oder sie abhängig zu halten von den Produkten aus Taiwan, weil das vielleicht deren bessere Lebensversicherung ist. Niemanden, der sich mit den Konsequenzen für Deutschland auseinandersetzt, falls es zu einem Ausfall der Lieferungen aus Taiwan kommt, sei es aufgrund eines Krieges oder einer Blockade. Ich sage nicht, dass das in jeder Fußgängerzone diskutiert werden sollte, aber ich erwarte, dass das in den Führungsetagen deutscher Wirtschaftsunternehmen ein Thema ist. Ist es aber nicht. 

Eine Umfrage des IW, des Instituts der deutschen Wirtschaft, hat gerade kürzlich festgestellt, „dass eine Mehrheit der deutschen Firmen mit hohen China- Abhängigkeiten keine Maßnahmen dagegen ergreift oder Chinas Relevanz teils sogar noch erhöht.“ Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in China betrugen 2023 11,9 Milliarden Euro. Das ist so hoch wie noch nie. De-Risking ist das nicht. Da fragt man sich schon, was noch passieren muss. Mir kommt das so vor, wie die späteren Ausgaben von Woodstock. Man will unbedingt, dass alles love und peace und happiness ist, aber auf der Bühne stachelt Fred Durst zu Gewalt auf und ganz hinten brennen schon die Zelte. 

Wir glauben, dass alles so bleibt, wie es war, weil nicht sein darf, was nicht sein kann. 

Fight Club...

...Matrix, The Prodigy, American Psycho, die 90er waren das beste Jahrzehnt, das die Popkultur haben konnte, sicherheitspolitisch war es allerdings eine Katastrophe – weil wir ignoriert haben, dass es  so etwas wie Sicherheitspolitik überhaupt gibt. Dabei ist es ja nicht so, dass es keine Krisen und Kriege gegeben hätte in den 90ern, nur waren die eben emotional woanders. Wir redeten uns kollektiv ein, dass das alles mit uns nichts zu tun hatte. Das funktionierte selbst dann, wenn es offensichtlich falsch war, etwa in den jugoslawischen Erbfolgekriegen. 

Moskau will uns vernichten. Wir wollen verhandeln.

Was will man also erhoffen? Wie kann man von einer Generation, die nichts anders als Freunde kennt und Entspannung, Hedonismus und Party, erwarten, dass sie so schnell umschwenkt? Vielleicht geht das gar nicht. Zumindest braucht es wohl sehr lange. „Ab heute bleiben wir für immer zusammen, ok?“, fragt Heike Makatsch mit Zöpfen und Rehblick 1993 und wer will da nicht für immer zusammenbleiben? Der lustige Alkoholiker Boris Jelzin ist da russischer Präsident, das erste demokratisch gewählte Staatsoberhaupt in der Geschichte Russlands – und vermutlich für lange Zeit der letzte. Aber diese Beziehung ist schon lange gescheitert und der Ex-Partner hat sich als rachsüchtiger Choleriker entpuppt hat. Moskau kann noch so oft die Idee von Atomschlägen gegen Deutschland ins Spiel bringen, dennoch wird irgendjemand in meinem Alter immer fragen, warum man nicht einfach verhandeln kann. 

 Und genau daran krankt auch die Zeitenwende. Denn natürlich ist die viel mehr als  Kampfpanzer und Flugabwehr. Wir müssen als Gesellschaft resilienter werden. Dazu gehört nicht nur die Bundeswehr voll auszustatten und deren Kaltstartfähigkeit zu sichern. Das ist selbstverständlich. Aber Zeitenwende muss eben auch bedeuten, dass wir unsere Zivilschutzgesetze anpassen, Zuständigkeiten klären und Bauverordnungen, einen Plan haben wie wir unsere Infrastruktur schützen und das dann auch tun. Wir müssen uns vor Desinformation schützen, die Finanzierung von Terror unterbinden und radikale Parteien als solche benennen und ihnen thematisch nicht hinterherlaufen. Wir müssen Lieferketten diversifizieren und die Cyberabwehr endlich ernstnehmen. Sehe ich, dass das alles passiert? Nein, das tue ich nicht. 

Ich verstehe auch das Sondervermögen nicht. Natürlich will ich, dass wir genug Großgerät und Munition haben, aber ich dachte immer, dass es anders funktioniert: Man macht einen Plan und setzt ihn dann um. Wenn ich nach Australien will, dann überlege ich mir, was ich benötige, um dort hinzukommen. Ich hebe nicht Geld am Automaten ab, setze mich in den Bus nach Solingen und überlege unterwegs. In Bezug auf die Bundeswehr heißt das: Ich will, dass wir definieren, welche Fähigkeiten wir benötigen und was wir damit tun wollen. Wenn wir das wissen, - bitte schnell entscheiden, wir haben wenig Zeit -, dann ist es völlig egal, was das kostet, wir haben den Bedarf ja ermittelt. Ob das dann sieben Milliarden sind oder 700 Milliarden darf keine Rolle spielen. Und natürlich kommt man dann auch um eine Debatte über die Widereinsetzung der Wehrpflicht nicht herum. Ja, das dauert und kostet, so what? Wir benötigen Nachwuchs, wir benötigen eine Reserve. Das Argument, dass eine hochspezialisierte Armee keine Wehrpflichtigen braucht, hinkt gewaltig, schließlich können die eine Armee mindestens im Hinterland entlasten, bei Logistik etwa. Als Fahrer muss ich nicht hochspezialisiert sein. 

Für meine Tochter ist Militär normal. Das gehört eben dazu, weil unsere Art zu leben geschützt werden muss. Der Teenager bekommt keine Krise, wenn er das Wort „Panzer“ hört. Und auch keine Panik, wenn der Kreml bis Lissabon marschieren will. Die ist eher lösungsorientiert, im Sinne von: Was brauchen wir, um darauf zu reagieren? Was hilft: Ihr Leben ist ein Leben in Krisen. Nicht, dass ich ihr das wünsche, aber es ist eine Gleichzeitigkeit zwischen Mascara und Marschflugkörpern und das härtet ab. Reden kann man mit ihr über beides (glaube ich, denn von Mascara habe ich keine Ahnung). Für meine Generation? Puh. Das Allerschlimmste, was mir in den 1990ern passiert ist: Ich hatte eine Karte für das Nirvana-Konzert in Offenbach, Stadthalle, 41 Mark, und Kurt Cobain hat sich ein paar Tage vorher erschossen. 

Das schlimmste Erlebnis der 90er? Kurt Cobain begeht Selbstmord.

John Wick ist Finne.

Und natürlich kommt man dann zu solchen Ergebnissen: Im Fall eines militärischen Angriffs auf Deutschland ist laut einer Umfrage vom Frühjahr 2023 nur jeder zehnte Bundesbürger bereit, sein Land mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Freiwillig würden sich nur fünf Prozent der Deutschen zum Kriegsdienst melden. Jeder Dritte dagegen, 33 Prozent, würde laut Umfrage versuchen, sein gewohntes Leben weiterzuleben. Äh? Der Rest würde das Land verlassen wollen. Ähnliche Umfrage in Finnland: 83 Prozent der fünfeinhalb Millionen Finnen würden im Falle eines russischen Überfalls zu den Waffen greifen. Welches Land würde ich als Aggressor eher angreifen? Mal überlegen. 

Zeitenwende findet im Kopf statt. Die wichtigste Verteidigungslinie befindet sich zwischen den Ohren. Aber dazu muss man erstmal die Realität akzeptieren. Ich habe keine Ahnung, was Käpt´n Mola gerade tut, Heike Makatsch macht Filme und das ist ein guter Übergang, denn wir leben jetzt in der Zeit von John Wick. 

Ich würde mir sehr wünschen, dass meine Generation das endlich versteht.